März 2012

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Noch kein Titel - Kapitel 1: Alles was du willst

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"Cha, ich brauche deine Hilfe!", kommt es aus dem Nebenzimmer.
Na toll, meine tolle Superschwester braucht mich mal wieder. Und wie ich eben so bin, stehe ich von meinem Sofa auf, lege mein Buch zur Seite und gehe sofort zu ihr.
Wieso mache ich das überhaupt? Vielleicht, weil ich sowieso keine anderen Beschäftigungen habe? Ist ja auch egal. Hauptsache ist, dass meine Schwester mich nicht bei unseren Eltern verpetzt.
Ich habe nämlich auf den letzten Test eine Fünf bekommen. Eigentlich hatte ich vor, ihnen das zu verheimlichen. Noch ist es ja nicht so schlimm, dass ich durchfallen könnte. Für die nächste Arbeit lerne ich einfach mehr und dann erledigt sich das von selbst. Aber meine Schwester bekommt solche Dinge immer mit. Ist ja auch klar, sie geht mit mir in eine Klasse. Wir sind nämlich Zwillinge und das kann ganz schön anstrengend sein!
Ich seufze und öffne dann die Zimmertür von Janine. Sie sitzt vor ihrem PC und ohne mich anzusehen, sagt sie sofort: "Da bist du ja endlich, ging das nicht schneller?"
"Tut mir Leid, ich bin so schnell wie möglich zu dir gekommen!", versuche ich mich zu entschuldigen.
Sie rollt mit den Augen. "Ist ja auch egal, jedenfalls möchte ich, dass du mir meine Mathehausaufgabe machst. Die krieg ich nämlich nicht hin."
Ich schreie innerlich auf. Das gibt’s doch nicht! Die kann das viel besser als ich, sie ist nur zu faul. Aber ich bin natürlich wie immer lieb und nett zu meiner Schwester.
"Du kannst meine abschreiben, ich habe sie schon fertig", sage ich zu ihr und will mich umdrehen. Mein Buch wartet auf mich!
"Warte noch!", schreit sie mir nach.
Was denn noch? Soll ich noch ihre tollen Designerklamotten zur Reinigung bringen oder die Küche für sie putzen, obwohl sie diese Woche dran ist? Ich mache mich auf alles gefasst.
"Was denn?", ich drehe mich wieder um und schaue sie betont freundlich an.
"Ich möchte noch, dass du die Küche für mich sauber machst. Ich treffe mich nachher nämlich mit Sarah und da habe ich keine Zeit mehr. Wäre lieb von dir." Sie lächelt mich an und wendet sich wieder ihrem PC zu.
Wusste ich es doch. Was solls. "Alles was du willst, Schwesterherz."
Ich drehe mich wieder um und diesmal lässt sie mich gehen. Ich seufze. Das wird wieder ein langer Tag und in meinem Buch kann ich sicher auch nicht weiterlesen.
Wie ich meine Schwester hasse! Sie versteht sich echt darauf, mir den Tag zu versauen. Wann hatte ich das letzte Mal einen Tag nur für mich? Ich weiß es nicht mehr.
Wahrscheinlich damals, als wir noch Babys waren und sie noch nicht richtig sprechen konnte. Obwohl, eigentlich hat sie mir damals auch im Sandkasten schon immer befohlen, ihr meinen Eimer zu geben. Und ich habe es wie immer gemacht. Ich bin einfach viel zu nett. Das muss sich ändern, so kann das einfach nicht weitergehen!
"Aber dafür habe ich noch genug Zeit", denke ich, als ich die Putzmittel und die Tücher aus dem Abstellraum hole.

Um halb sieben am Abend bin ich endlich fertig mit dem Putzen. Gott sei Dank habe ich meine Hausaufgaben heute Mittag schon gemacht, jetzt würde ich das sicher nicht mehr packen!
Ich falle müde ins Bett. Bestimmt kocht Mama bald unser Abendessen und das ganze Putzen war umsonst.
Janine ist noch immer nicht zurück. Sarah und sie sind ins Kino gegangen, aber das sollte eigentlich schon vor einer Stunde zu Ende sein. Mama ist das alles egal. Janine ist ja ihr Liebling und solange sie zum Essen nach Hause kommt, ist das alles kein Problem.
Wenn ich mal ins Kino wollte, würde ich immer pünktlich zu Hause sein müssen. Abgesehen davon, dass ich sowieso so gut wie nie irgendwo hin gehe, weil ich keine Freunde habe und allein selten Lust habe.
Als ich letztes Mal im Kino war – ist schon mindestens ein halbes Jahr her – habe ich den Bus verpasst und kam somit eine halbe Stunde später als abgemacht an. Es war unvorstellbar, wie sehr meine Mutter ausgerastet ist! Wo ich war, wollte sie wissen. Warum das so lange gedauert hat. Warum ich zu dumm bin, den richtigen Bus zu erwischen. Und viele andere Dinge.
Janine saß nur selbstzufrieden beim Abendessen und hat die ganze Zeit gegrinst. Ist ja auch klar, auf sie war Mama nicht böse.
Ich habe dann eine Woche Hausarrest bekommen. Hat mir nichts ausgemacht, weil ich sowieso nie ausgehe. Aber Janine war böse, weil ich ihre Sachen nicht mehr zur Reinigung bringen konnte. Tja, Strafe muss sein! Sie soll halt nicht immer so selbstgefällig sein!
"Charlie, kommst du bitte zum Abendessen runter?", ruft meine Mutter aus der Küche.
"Ich komme gleich", schreie ich zurück.
Ich stehe vom Bett auf. Wieder einmal wird mir bewusst, wie viel kleiner mein Zimmer gegenüber dem von Janine ist. Ich habe zwar auch einen eigenen PC und einen eigenen Fernseher, aber bei mir ist es so eng, dass mein Zimmer immer unordentlich aussieht. Egal, wie sauber es ist, in meinem Zimmer sieht es immer nach Chaos aus. Außerdem habe ich viel ältere Möbel als Janine.
Ich seufze. Tja, so ist das eben bei uns. Janine wird von allen bevorzugt.
Ich gehe aus meinem Zimmer und die Treppe runter zum Esszimmer. Janine ist noch nicht da. Kommt sie heute denn gar nicht zum Abendessen?
"Mama, wo ist Janine?", frage ich, als sie das Essen zum Tisch bringt.
"Sie geht mit Sarah noch zum Chinesen, wir sollen ohne sie essen."
Aha. Janine, die Schöne, Tolle und Perfekte darf natürlich wieder alles. Bei mir würde Mama ausflippen, wenn ich mal auswärts essen wollte.
"Achso. Sag mal, stört dich das gar nicht, dass sie nie zu Hause ist?"
"Nicht wirklich. Ich weiß ja wo sie ist und sie hat auch keinerlei schulische Probleme. Warum sollte ich sie dann zu Hause einsperren?"
Tja, so ist das eben. Janine wird alles erlaubt. Die Tolle, Perfekte Janine.
Ich seufze zum wohl tausendsten Mal an diesem Tag, nehme meine Gabel und fange an, lustlos in meinen Spaghetti herumzustochern.
Normalerweise mag ich Spaghetti sehr gern und meine Mutter kocht sie auch super, aber irgendwie habe ich heute überhaupt keine Lust, Spaghetti zu essen.
"Charlie, wieso isst du denn nicht? Spaghetti magst du doch sonst auch so gerne."
Meine Mutter schaut mich besorgt an. Zumindest versucht sie es. Wetten, ihr ist es egal, dass ich nichts esse? Sie will doch nur gut vor meinem Vater dastehen.
"Hab keinen Hunger.", murmle ich. "Darf ich nach oben gehen?"
Meine Mutter sieht mich streng an. "Nein, Cha, ich möchte, dass du jetzt isst. Ich mag es nicht, wenn du mir dann in zwei Stunden wieder die Ohren volljammerst, dass du solch einen Hunger hättest."
Klar, als ob ich das je getan hätte. Ich trau mich ja nicht mal, zu jammern. Wieder seufze ich und schiebe mir eine Gabel mit Spaghetti in den Mund. Hoffentlich kommt Janine bald nach Hause, dann ignoriert mich meine Mutter wieder und ich kann fast alles tun und lassen was ich will.
In dem Moment klingelt das Telefon. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel. Bitte lass das nicht Janine sein! Sie würde sicher wieder sagen, dass sie später kommt.
Meine Mutter steht auf, geht raus in den Flur und hebt ab. Sie hat die Tür geschlossen, also kann ich nicht verstehen, was sie sagt.
Lustlos stochere ich weiter in meinem Essen herum. Als meine Mutter wieder zurückkommt, sieht sie nur meinen Vater an und sagt: "Das war Janine. Sie möchte heute bei Sarah übernachten. Ich habe Ja gesagt. In einer halben Stunde wird sie sich ihre Sachen abholen."
Das wird ja immer besser. Dann kann ich es vergessen, heute noch irgendetwas Sinnvolles zu machen.
"Cha, ich möchte, dass du jetzt nach oben gehst und Janine ihre Lieblingsklamotten heraussuchst. Da du sowieso keinen Hunger hast, wird dir das sicher nichts ausmachen. Vergiss nicht ihre Zahnbürste und ihre Schulsachen einzupacken, sonst muss sie morgen so früh aufstehen!"
Juhu. Endlich ist meine Schwester zu etwas gut. Danke!
"Klar", sage ich. Dann stehe ich auf, nehme meinen noch halb vollen Teller und bringe ihn in die Küche.
Als ich oben bin und Janine’s Sachen zusammen suche, frage ich mich, wie lange ich wohl noch ihr persönlicher Diener sein werde. Irgendwann muss das doch aufhören.
Aber wann?

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